Via Nova Kunstfest Corvey

 

 

Sonntag - 4. Oktober 2020

 

11.00 Uhr Lesung Jens Harzer und Marina Galic mit Oboen-Musik

 

Jens Harzer und Marina Galic - Der wilde Forst, der tiefe Wald 

Elias Canetti Der Büffeltanz

Brüder Grimm Die Alte im Wald

Franz Josef Czernin Der goldene Strauß

Maria Stefanopoulou Athos der Förster

Elias Canetti Wald und Jagd bei den Lele 

 

Albrecht Mayer Oboe

 

Eintritt Kat A 30 / B 25 / C 20 €

Veranstaltungspaß für das gesamte Wochenende

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Telefon: 05231 570150

 

NIEMAND BETRITT DEN WALD, ALS SEI ES DAS ERSTE MAL

Maria Stefanopoulou

Knapp die Hälfte der Grimmschen Märchen spielt im Wald, er ist ein fast unverzichtbarer Ort. Wer in den Märchenwald geht, begibt sich in seine inneren Wälder. Der Wald ist ein Verwandlungsraum, Chiffre für das Unterbewußte und Unbewußte. Tief im Dickicht des Waldes ist der Mensch zwischen den Bäumen gefangen, kein Weg führt hinaus, kein Horizont bietet Übersicht, der Mensch verliert sich, begegnet sich selbst und kann sich wandeln. Der Mensch, der vor dem Wald lebt, betritt ein Labyrinth, das Königreich, das Paradies, liegt jenseits, hinter dem Wald. Im Märchenwald begegnet man dem Übersinnlichen, Geheimnisvollen auch in der modernen Variante von Franz Josef Czernin. Elias Canetti berichtet vom berühmten Büffeltanz der Mandan, eines nordamerikanischen Indianerstammes, in dem die Tänzer zugleich Büffel und Jäger sind. Eine Jagdreligion, eine Einheit von Leben und Religion, findet er bei dem afrikanischen Volk der Lele: Alles, was wertvoll ist, enthält der Wald, und das Wertvollste holt man sich aus ihm zusammen. Für Flüchtende, Vertriebene bietet der Wald Schutz, für erlittene Wunden an Körper und Seele, in Kriegszeiten galt das umso mehr. So auch für Athos, der lange mit und in der Natur lebte, Wege durch den Schnee hindurch riechen konnte, um ein Ziel in den Bergen zu erreichen. Athos war Förster, bevor er eins mit dem Wald wurde, zu einem Geist, einem Überlebenden und einer Erinnerung. Jens Harzer und Marina Galic unternehmen Erkundungsfahrten ins Äußere und ins Innere, denn eine berührbare Außenseite hat auch eine empfindsame Innenseite. Daß musikalische Naturzitate eine Liebeserklärung sein können, aber auch einen doppelten Boden besitzen, zelebriert der Oboist Albrecht Mayer in feinfühliger Weise.